Das Jahresthema 2011: Einsatz mit Gewinn
Im ersten Jahr des Dreijahresturnus der Woche für das Leben ging es unter dem Motto „Engagiert für das Leben: Einsatz mit Gewinn“ um den uneigennützigen, unentgeltlichen Einsatz für andere, um soziales Engagement von Bürgerinnen und Bürgern.
33 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland engagieren sich in sozialen Projekten: in Kindergärten und Schulen, in Krankenhäusern und Kirchengemeinden oder auch in der Nachbarschaft. Manche sind gebeten worden, eine Aufgabe zu übernehmen, andere sind einfach hineingewachsen und wieder andere wurden selbst initiativ. So wie einst Cicily Saunders (1918 – 2005), die Gründerin der Hospizbewegung in England. Sie fand das Sterben in den britischen Kliniken der Achtzigerjahre würdelos und setzte sich für Palliativmedizin und menschenwürdige Pflege zu Hause ein.
Längst hat die Hospizbewegung auch bei uns das Sterben verändert – in Einrichtungen wie Krankenhäusern, Altenheimen und Hospizen, aber auch zu Hause in den Nachbarschaften. Oder so wie die engagierten Menschen bei uns, die es unerträglich fanden, dass in Deutschland täglich Lebensmittel vernichtet werden, während bei anderen im wahrsten Sinne des Wortes Schmalhans Küchenmeister ist. Sie kauften Busse und sammelten ein, sie mieteten Ausgabestellen, öffneten Gemeinderäume und gründeten die „Tafeln“ – Ausgabestellen für Lebensmittel, an denen inzwischen neben Obdachlosen viele Hartz-IV- Empfänger und Ältere mit geringen Renten um Hilfe anstehen. Daneben sind Secondhand-Kaufhäuser, aber auch Läden für Schulbedarf und Kinderspielzeug entstanden. Und Pastor Bernd Siggelkow gründete die „Arche“-Häuser, in denen Kinder vor und nach der Schule begleitet werden – vom Mittagessen über die Hausaufgaben bis zum Hausbesuch. Hier wird gezeigt, dass Kinder erwünscht sind, auch in sozial schwierigen Situationen.
Wo immer soziale Notlagen aufbrechen, wo Löcher sich auftun im sozialen Netz, da gibt es auch Menschen mit offenen Augen und Herzen, die zupacken, Fantasie entwickeln und Neues ins Leben rufen: Hospize für Sterbende, Welcome-Zentren, wo Schwangere und ihre neugeborenen Kinder Hilfe erfahren, Tafeln für Hungrige und Wohngemeinschaften mit behinderten Menschen.
Bei näherem Hinsehen zeigt sich: Es sind die biblischen Werke der Barmherzigkeit, die Menschen nach wie vor motivieren. Wie wichtig das ist, lernen schon Kinder an Vorbildern und Heiligengestalten. Bis heute kennen viele Nikolaus oder Martin, der den Mantel mit einem Frierenden teilte. Christen verstehen die Quelle unserer Sozialkultur, wenn sie in der Bibel lesen, dass sich Jesus selbst mit den Hungernden und Kranken (Mt 25, 31 – 46) oder auch mit den Kindern (Mk 10, 13 – 16) identifiziert. Auch wenn es vielen nicht bewusst sein mag: Der christliche Glaube spielt nach wie vor eine große Rolle für das soziale Engagement in unserer Zivilgesellschaft. So zeigt die Freiwilligenbefragung der Bundesregierung, dass die Kirchenbindung bei freiwillig Engagierten signifikant höher ist als im Schnitt der Bevölkerung.
Den eigenen Weg finden
Dieser Zusammenhang zwischen Glauben und Engagement, zwischen Sinnsuche und Einsatz für andere ist vielfältig. Viele halten es einfach für selbstverständlich, zuzupacken, wenn sie Not wahrnehmen – ganz so, wie es der barmherzige Samariter tat, während der Priester vorüberging (Lk 10, 25 – 37). Anderen macht es Freude, ihre Talente einzusetzen und etwas von dem weiterzugeben, was sie können und erfahren haben – Talente, die vielleicht beruflich nicht zum Zuge kommen. Manche sind auch auf der Suche nach einer sinnvollen Betätigung – sei es, dass sie noch nicht wissen, in welche Richtung es beruflich gehen soll, oder dass sie in eine Sackgasse geraten sind. Sie probieren etwas aus, übernehmen Verantwortung und entdecken plötzlich ganz neue Seiten an sich selbst, neue Perspektiven für ihr Leben. Bei den einen folgt das Engagement ihrem Glauben oder ihrer politischen Überzeugung, andere setzen sich ein und lernen bisweilen, Gott und die Welt mit neuen Augen zu sehen. Es gibt verschiedene Wege, wie Engagement und Sinn zusammenkommen – wichtig ist, dass jeder und jede den eigenen findet.
Der Einsatz für andere bringt Gewinn…
… nicht in Euro und Cent, wohl aber in dem Gefühl, dass wir mit unseren Kräften zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen können. Wer sich für andere engagiert, lernt unterschiedliche Perspektiven und Lebensentwürfe kennen, gewinnt Freunde und Weggefährten und kann sich selbst als Teil einer sozialen Bewegung erleben. Das gilt für die Hospizarbeit wie für die Tafeln, für Kolping wie die Krankenhaushilfe. Aber auch Kirchengemeinden können dabei mittun. Ohne diese Bewegungen, von denen viele im 19. Jahrhundert im Raum der Kirchen entstanden sind, wäre unser Sozialstaat nicht denkbar und auch nicht zukunftsfähig. Die christliche Gesellschaftslehre betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung persönlichen Engagements und den Wert des unmittelbaren Miteinanders, die Personalität und Subsidiarität aller sozialen Netze: Sie bauen sich von unten her auf, im persönlichen,Einsatz, in überschaubaren Gruppen und Bewegungen. Der Staat tritt dort, und nur dort, ein, wo die gesellschaftlichen Organisationen selbst nicht in der Lage sind, das Soziale zu gestalten, und er schafft den rechtlichen und finanziellen Rahmen, damit das gelingt.
Jeder ist gefragt In den letzten Jahren und Jahrzehnten haben wir allerdings eine Individualisierung und zugleich eine Professionalisierung und Ökonomisierung des Sozialen erlebt, wie es vorher lange Zeit undenkbar gewesen wäre. Viele haben den Eindruck, die Grenze sozialstaatlicher Belastungen sei erreicht. Andere fürchten, dass der soziale Zusammenhalt weiter schwindet, ja, dass die Spaltung der Gesellschaft sich fortsetzt. In dieser Situation ist es besonders wichtig, dass Menschen sich freiwillig für andere einsetzen – ohne dass damit allerdings die professionellen Dienste geschwächt werden dürfen. Jeder kann und soll seine Gaben einbringen, wo Menschen in Not sind. Das ist keine Frage von gesellschaftlichem Status oder Bildung. Es ist auch keine Frage des kulturellen oder religiösen Hintergrunds.
Jeder ist gefragt:
Manager wie Arbeitslose, Mütter und Väter, junge Leute wie Rentner und Rentnerinnen, Christen wie Nichtchristen. Wir brauchen eine neue Kultur des Helfens, eine Kultur der Barmherzigkeit, damit die Schwachen nicht unter die Räder kommen. Damit Sterbende ein gutes Ende finden, damit Kinder mit Hoffnung auf eine erfüllte Zukunft aufwachsen und Familien nicht in Armut leben müssen, damit Schwangere Mut haben, ihre Kinder zur Welt zu bringen, und Flüchtlinge bei uns Heimat finden. Wer sich dafür einsetzt, erlebt „Einsatz mit Gewinn“.


