Das Alter veraltet - Gerhard Wegner

 

Alt und JungDass sich in Sachen Alter in unserer Gesellschaft in den letzten Jahren und Jahrzehnten eine ganze Menge verändert hat, ist mittlerweile Common Sense. Wurde noch vor wenigen Jahren die demografische Entwicklung vor allem als Problem einer diskriminierend so genannten „Überalterung“ und eines bedrohlichen „Altersberges“ bedrohlich diskutiert, so ist man mittlerweile - auch in Folge der Altersberichte der Bundesregierung und vieler anderer Bemühungen - dazu übergegangen, die Chancen einer älter werdenden Gesellschaft, einer Gesellschaft des langen Lebens und vor allen Dingen des so genannten „Dritten Alters“ oder auch der „Jungen Alten“ herauszustellen. Insbesondere diese beiden neuen Begriffe beherrschen nun das Feld und versuchen – sicherlich noch unzureichend und durchaus ambivalent- das epochal Neue an der Situation zu erfassen und diskursiv zu bearbeiten. Insofern werden die betreffenden Diskussionen nicht mehr so abgrenzend geführt; insbesondere die diskriminierenden Aspekte der ganzen Debattenlage und des Sprachgebrauchs sind deutlich zurückgetreten.

 

Das defizitäre Altersbild in Kirche und Diakonie

 

Damit eröffnet sich nun die große Chance, das Thema angemessen in den Blick zu nehmen und die strukturellen Veränderungen, insbesondere was die Situation und die Diskussion in Kirche und Diakonie anbetrifft, in den Vordergrund zu rücken.  Zwar wird auch hier viel über ältere Menschen diskutiert, aber was ihr längeres Leben und ihre stetig wachsende Zahl tatsächlich für die "Organisierung" von älteren Menschen in der Kirche, für ihre religiöse und kirchliche Ansprechbarkeit und überhaupt für die mentale gesellschaftliche und kirchliche Lage bedeutet, wird bisher - so ist jedenfalls meine These - selten wirklich grundlegend in den Blick genommen. Eine Ausnahme macht jetzt hier aber das Papier des Rates der EKD "Im Alter neu werden können".

 

Diese Situation hat wahrscheinlich mit dem in der Kirche und ihrer  Diakonie weit verbreiteten Altersbild zu tun. Dieses Bild lässt sich relativ leicht durch Primärerfahrungen illustrieren: Bei vielen Vorträgen, die ich in letzter Zeit zum Thema Alter gehalten habe, musste ich immer wieder die Erfahrung machen, dass man schon nach kürzester Diskussionszeit bei fast jedem Publikum vom Thema der Veränderung des Alters, d.h. des längeren Lebens, wegkommt und ganz schnell auf die Frage der Pflege im Alter umgeleitet wird – was dann die übrige Zeit der Diskussion in Anspruch nimmt. Das Altersbild, das in der Kirche traktiert wird, so scheint mir, ist in einem übergroßen Ausmaß durch das Charakteristikum „Pflegebedürftigkeit“ geprägt.

 

Damit setzt sich die im Grunde genommen klassische Assoziation von Altern, Tod und Sterben in der christlichen Theologie stets wieder durch. Sie wird aber der gegenwärtigen Situation der Älteren so nicht mehr gerecht. Und: Nicht nur die Pflegebedürftigkeit wird sofort zum Thema gemacht, sondern auch das Sterben selbst und insbesondere die Auseinandersetzung mit der Hospizbewegung wird dann ebenfalls immer wieder thematisiert. Allein diese wenigen Eindrücke machen schon deutlich, dass es offensichtlich eine Defizitsicht auf das Alter in der Kirche gibt, die stark von diakonischen Anliegen geprägt ist. Nach wie vor ist auch die „Zuständigkeit“ für das Thema Alter in vielen Landeskirchen aus diesem Grund in der Diakonie angesiedelt.

 

Das Alter ist folglich etwas, was aus der Sicht der Fürsorge, der Betreuung – auf jeden Fall des Schutzes in den Blick kommt. Logisch, dass es deswegen auch Vorbehalte gegen eine besondere Betonung der Stärken des Alters und ihrer Aktivierung gibt. Nach wie vor selten werden bisher jedoch die Stärken des Alters und vor allen Dingen die Herausforderung, die mit dem dritten Alter oder den jungen Alten verbunden sind,  angesprochen. Die herrschende Defizitsicht artikuliert die Hinfälligkeit der Menschen und ihre wachsende Angewiesenheit im Alter. Sie denkt das Alter vor allem von seiner Nähe zum Tode und steht damit in einer großen seelsorgerlichen theologischen und religiösen Tradition der Deutung des Alters in den Religionen, und zwar insbesondere im Christentum.....

 

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