Ehrenamtlich in die Zukunft?
Wir spüren: die soziale Struktur unserer Gesellschaft ist im Umbruch. Die Vorstellung, dass der Staat mit den Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege dafür zuständig ist, sozialstaatliches Handeln professionell zu gestalten, trägt nicht mehr.
Auch die alte Rollenaufteilung, nach der Männer das Geld für diesen Sozialstaat erarbeiten, während Frauen sich für Familie und ehrenamtlich engagieren, ist vorbei. Wir brauchen einen neuen Mix aus Professionalität und bürgerschaftlichem Engagement, aus bezahlbaren Leistungen und sozialem Einsatz. Die sozialen Bewegungen von der Frauen- über die Hospiz- bis zur Tafelbewegung zeigen: Längst geht der Trend in diese Richtung. Ehrenamtliche sind die „Detektoren“ für neue soziale Notlagen. Ein aktiver Sozialstaat braucht darum eine engagierte Zivilgesellschaft. Aber auch Sorgen sind berechtigt: Haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende fürchten, Ehrenamtliche könnten zum „billigen Jakob“ eines ausblutenden Sozialstaats werden. Politisch Aktive sorgen sich, dass Gerechtigkeit durch Barmherzigkeit ersetzt wird und es damit zu einem politischen Rollback kommen könnte. Eine nationale Engagementstrategie, die dem Ehrenamt viel Aufmerksamkeit sichert, muss kritisch diskutiert werden. Dabei sind die Kirchen wichtige Partner. Mit ihrer vielfältigen Verankerung im Stadtteil und den diakonischen Angeboten sind sie wichtige Akteure zur Generierung sozialen Kapitals.
Kirchen und Ehrenamtliches Engagement
Von den etwa acht Millionen Freiwilligen in Deutschland ist ca. die Hälfte im Umfeld der Kirchen aktiv. Trotz der Diskussionen um die Erosion der Institutionen – beim Engagement punkten sie seit Jahren: Schule, Kirche und Kinder- und Jugendarbeit legen zu. „Ehrenamtliches Engagement ist ein zentraler Ausdruck des Glaubens und unersetzlich für den Zusammenhalt einer Gesellschaft“, heißt es aus der EKD-Synode. „Ein sich immer stärker ausdifferenzierendes und individualisierendes Gemeinwesen ist auf dieses Engagement angewiesen“. Ehrenamtsakademien werden gegründet, in mehreren Kirchen wurden Ehrenamtsgesetze verabschiedet, landesweite Ehrenamtspreise werden ausgelobt und Menschen im Freiwilligenmanagement weitergebildet. Dahinter steht die Erwartung, dass die Kirche, wie es die Perspektive 2030 formuliert, „kleiner, älter, ärmer an Geld und an hauptamtlichem Personal sein wird“. Ohne Ehrenamtliche kann die Kirche ihren Auftrag nicht erfüllen – ohne Hauptamtliche allerdings, lassen sich Angebote nicht aufrechterhalten. Das Verhältnis zwischen beiden wird derzeit durch den Rückgang von Finanzen, durch Fusionen und Arbeitsplatzabbau enorm belastet. Deswegen betonen zurzeit alle kirchlichen Stellungnahmen, dass Ehrenamtliche keine Lückenbüßer-Funktion haben dürfen. Tatsächlich gefährden die absehbaren Einschnitte bei hauptberuflichen Fachkräften auch die Gewinnung, Begleitung und Qualifizierung von Ehrenamtlichen. Engagement braucht anregende und begleitende Strukturen, fachliche Impulse sowie Räume, Finanzen, gesetzliche Grundlagen und Dienststellen.
Wer sind die Ehrenamtlichen in der Kirche – und wer ist durch die Kirche ansprechbar?
Einige Zahlen und Fakten:
- 2005 gab es in der evangelischen Kirche 1,1 Mio. Ehrenamtliche.
- 51% der freiwilligen Aktivitäten in der gesamten Gesellschaft wird von Menschen geleistet, die sich entweder „stark“ (20%) oder „mittel“ (31%) mit einer Kirche verbunden fühlen.
- Die über 65jährigen sind deutlich überrepräsentiert (22%; alle Bereiche: 13%)“.
- Die Gruppe der 31- 45jährigen ist unterrepräsentiert; nur 24% gegenüber 32% im Durchschnitt.
- 50 % aller Tätigkeiten werden von Menschen mit hohem Bildungsstandards ausgeführt.
- Ehrenamt ist Frauensache: 70 % der Ehrenamtlichen der Caritas sind Frauen, 56 % davon über 59 Jahre.
- Im Durchschnitt aller Bereiche sind zu 55% Männer engagiert, in der Kirche sind es 35%.
Milieuverengungen überwinden – Engagementpotenziale nutzen
Betrachtet man die Struktur der Engagierten nach Alter, Geschlecht, Bildung und sozialem Status, wird klar: Die Potenziale zur Ausweitung in andere Zielgruppen sind erheblich. „Zugang zum Ehrenamt finden bisher vor allem diejenigen, die finanziell abgesichert, gebildet und familiär gebunden sind“, stellt auch die EKD-Synode fest. „Die Kirche sieht die Aufgabe, die Bereitschaft zum Ehrenamt in allen gesellschaftlichen Gruppen zu stärken. Dazu gilt es, Hindernisse die Geringverdienenden, Arbeitslosen oder Migranten den Zugang zum Ehrenamt erschweren, zu beseitigen. Bildungsangebote wie Aufwandsentschädigungen helfen, Barrieren abzubauen.“ Darum dürfen wir uns nicht in binnenkirchlichen Milieus einrichten. Die Frage ist also: Wie können wir die zunehmend drängendere Herausforderung angehen und Menschen aus kirchenfernen Gruppen und bislang weniger repräsentierten Milieugruppen erreichen?

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