Das Jahresthema 2012: Mit allen Generationen

Soziales Miteinander

Jede Gesellschaft steht in ihrer Zeit vor neuen Herausforderungen. Sie zu bewältigen, ist immer eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Je komplexer und vielfältiger menschliches Miteinander ist, desto mehr Engagement verlangt der Ausgleich zwischen Chancen und Risiken, Bedürfnissen und Möglichkeiten. Dabei wird schnell deutlich, wie sehr der Mensch ein soziales Wesen ist. Nur im Miteinander kann Leben überhaupt entstehen und sich entfalten. Kein Mensch vermag alles, was zum Leben nötig ist, selbst zu gestalten. Nicht nur ein neugeborenes Menschenkind ist lange Zeit und umfassend auf die Hilfe der Eltern und anderer Erwachsener angewiesen, um aufzuwachsen. Auch ein erwachsener Mensch benötigt Arbeit und Wissen, Liebe und Zuwendung anderer, um gut zu leben.

 

Nur verlässliche Kooperation und freundschaftliches Miteinander kann die Entfaltungsmöglichkeiten aller sicherstellen. Dabei geht es vor allem darum, die Unterstützung für diejenigen zuverlässig zu gewährleisten, die in besonderer Weise auf die Hilfe anderer angewiesen sind. In einer sozialen Gesellschaft gilt der Grundsatz: „Einer trage des anderen Last“ (Gal 6,2), denn starke Schultern haben die Verpflichtung mehr zu tragen als schwache. Nur auf diese Weise kann Solidarität gerecht gestaltet werden.

 

Der demografische Wandel - Herausforderung und Chance

Eine der markantesten Herausforderungen unserer Zeit ist der demografische Wandel der Gesellschaft. Auf der einen Seite sinken die Geburtenzahlen. Es gibt durchschnittlich immer weniger Kinder pro Familie; gewollt oder ungewollt bleiben immer mehr Erwachsene kinderlos. Auf der anderen Seite steigt die durchschnittliche Lebenserwartung rapide an. Das ist in erster Linie ein Gewinn, steht unserem Miteinander doch eine „neue Generation“ vitaler und lebenserfahrener Menschen nach Eintritt in das Ruhealter zur Verfügung. Die allermeisten Menschen haben im Schnitt zehn Lebensjahre hinzugewonnen.Zwar sind sehr viele Menschen noch lange gesund und können sich auch im Alter aktiv einbringen, doch nimmt im höheren Alter statistisch gesehen auch die Hilfebedürftigkeit zu. Die mit dieser doppelten Veränderung einhergehende Verschiebung des Altersdurchschnitts in unserer Gesellschaft ist nicht nur eine Last, sondern auch eine Chance, auf jeden Fall aber eine Herausforderung.

 

Fruchtbaren Boden für ein soziales Miteinander bereiten

Die Familie ist die Keimzelle des menschlichen Zusammenlebens. Hier, im sozialen Nahbereich, machen wir die Erfahrungen, die uns im Leben prägen. Hier hat die Sorge um den Nachwuchs ihren ersten Ort – aber auch die Pflege kranker und alter Menschen. Dabei spielen Angehörige, aber auch
Nachbarn oder Freunde eine wesentliche Rolle. Im Blick auf die Hoffnungen und Herausforderungen, die wir mit einer eigenen Familie verbinden, kommt den Erfahrungen in den Herkunftsfamilien eine große Bedeutung zu. Wo der liebevolle und fördernde Umgang mit den heranwachsenden Kindern den Boden bereitet hat, findet der Wunsch nach eigenen Kindern die besten Voraussetzungen. Wenn alte und sehr alte Menschen im sozialen Nahraum sichtbar präsent sind und ihre Erfahrungen einbringen, haben wir gute Voraussetzungen für das Miteinander in unserer Gesellschaft und für die Akzeptanz menschlichen Lebens jenseits von ökonomischer Verrechnung und übertriebenem Streben nach Gesundheit. Familie, Verwandte, Freunde, Nachbarn und Gemeinden bilden den fruchtbaren Boden für ein soziales Miteinander und für die Sensibilität im Umgang mit hilfsbedürftigen Menschen.

 

Junge Familien stärken

Die Herausforderungen, die besonders mit dem demografischen Wandel verbunden sind, werden schon in absehbarer Zeit beträchtlich sein. Deshalb müssen schon jetzt die richtigen Weichen gestellt werden. Wichtig ist, dass die Generation, die sich heute um die Kindererziehung kümmert, in ihrem persönlichen
Einsatz keine gesellschaftliche Benachteiligung erfährt. Mütter und auch Väter müssen die Möglichkeit haben, Familie, Erziehung und Pflege mit Erwerbstätigkeit zu verbinden. Junge Paare brauchen Planungssicherheit, was ihre berufliche und finanzielle Situation betrifft. Wenn durch die Kindererziehung eine ungebührliche Benachteiligung im Alter vorprogrammiert ist, gleichzeitig aber die Belastung der sozialen Sicherungssysteme für die Altersversorgung der Rentnerinnen und Rentner steigt, ist es zumindest sozial und ökonomisch nicht attraktiv, Kindern das Leben zu schenken. Auch Menschen, die sich Kinder wünschen, sind nicht völlig frei von solchen Kosten-Nutzen-Überlegungen.

 

Das zeigt sich spätestens bei einem zweiten oder dritten Kind, das häufig als mit dem gewohnten Lebensstil nicht mehr vereinbar empfunden wird. Lebensentwürfe sind immerauch in einem konkreten sozialpolitischen und wirtschaftlichen Rahmen einer Gesellschaft zu betrachten. Damit Menschen ihren Kinderwunsch realisieren und Kinder als großes Glück und Segen Gottes erleben können, braucht es Vorbilder, Unterstützung in Familie, Nachbarschaft und Beruf, aber auch die gesellschaftliche Unterstützung durch geeignete Institutionen sowie soziale Sicherungen.

 

Der Pflegesituation mit Würde begegnen

Ähnlicher Voraussetzungen bedarf es, um die Herausforderung einer rasant steigenden Anzahl pflegebedürftiger Menschen in humaner Weise zu bewältigen. Wo sonst, wenn nicht in der Familie, bei Verwandten und Freunden, bei Nachbarn und in der Gemeinde kann die Akzeptanz dafür gelegt werden, dass Leben gut ist, auch wenn es in besonderer Weise hilfe- und pflegebedürftig ist? Für Christinnen und Christen gilt: Gott hat jeden Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen (Gen 1,27) und jedem menschlichen Leben eine Würde verliehen, die nicht vom körperlichen oder geistigen Zustand der Person abhängig ist. Es ist auch nicht die Verrechnung von Leistungen, die hier zählt, sondern die Anerkennung einer Lebensspanne mit ihren Erfahrungen und nicht zuletzt die Liebe zu einem vertrauten Menschen. Und tatsächlich wird der größte Teil der Pflegeleistungen in Familie, Nachbarschaft und Gemeinde erbracht. Die steigende Zahl der Pflegebedürftigen und die längere Pflegedauer machen es jedoch dringend erforderlich, die Nachbarschafts- und Alltagshilfen sowie die professionellen Pflegedienste auszubauen, um die Pflegesituation für alle Beteiligten erträglich zu gestalten und die Pflegehaushalte zu entlasten.

 

Jedes menschliche Leben ist ein Geschenk Gottes

Leben hat in allen seinen Lebensphasen die gleiche Menschenwürde, das gilt für das ungeborene Leben, für Kinder wie für behinderte und pflegebedürftige Menschen und auch für Sterbende. Diese grundlegende Überzeugung schlägt sich auch in dem Konzept der Menschenrechte nieder. Es ist unmenschlich, einzelne Menschen oder bestimmte gesellschaftliche Gruppen vom Miteinander auszuschließen. Gerade der Austausch der unterschiedlichen Erfahrungen hält eine Gesellschaft lebendig. Jeder Einzelne und jede Generation trägt unverzichtbar zum Miteinander bei.