Leben mit Behinderung - von Bischof em. Dr. Franz Kamphaus

Der Mensch ist Gottes Ebenbild, nicht das Ebenbild eines Menschen

Einer der aufregendsten Sätze der Bibel steht auf der ersten Seite: „Gott schuf den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ (Gen 1, 27). Das ist und bleibt revolutionär. Es sind keine großen Statuen oder Tiere, die als wirkmächtige Repräsentationen Gottes gelten, auch keine Priester oder Könige. Der Mensch ist es, jeder Mensch, Adam und Eva, Mann und Frau. Darin sind alle gleich. Nicht der eine „gleicher“ als der andere; nicht der eine wertvoll, der andere unwert. „Ebenbild Gottes“ besagt, dass der Mensch einer letzten Bewertung entzogen ist. Er ist nicht sein eigener Schöpfer, nicht das Ebenbild eines Menschen.  Wäre er nur das, etwa nur das Produkt seiner Eltern, wäre er an deren Maß gekettet, ein Klon. Das ist unter seiner Würde. Ebenbild eines Menschen oder Gottes Ebenbild – das ist ein himmelweiter Unterschied. Bild Gottes zu sein, schenkt dem Menschen die Freiheit, er selbst zu sein und es immer mehr zu werden, ein Original. Das ist ein Plädoyer für Menschenleben in Vielfalt, in Verschiedenheit. Wer nicht zählen kann, zählt mit! Behinderte Menschen haben ihr gutes Recht auf ein eigenständiges Leben. Es geht nicht nur darum, sich „aus lauter Liebe und Barmherzigkeit“ ihrer anzunehmen. Sie haben ein Recht auf Anerkennung und Entfaltung ihrer Person, ein Recht auf Sozialleistungen des Staates.

 

Es ist uns untersagt, dass wir uns vom anderen Menschen ein Bild machen

Wenn der Mensch das Ebenbild Gottes ist, dann ist er einbezogen in das zweite der Zehn Gebote: „Du sollst dir kein Bild machen von Gott.“ Das Bilderverbot lautet dann: „Du sollst dir kein Bild machen von Gott und nicht vom Menschen, der sein Ebenbild ist.“ Die Anfertigung eines Gottesbildes verstößt gegen Gottes eigene Intention. Es gibt ja schon eins, das er selbst geschaffen hat: den lebendigen Menschen. Wer den Menschen auf ein selbst gemachtes Bild reduziert, verstößt gegen das so erweiterte Bilderverbot. Ein von außen hergestelltes Bild kann nicht die Individualität eines Menschen berücksichtigen, es verdrängt sie geradezu. Indem man es reproduziert, verletzt man die Einmaligkeit des Individuums. Schlimmstenfalls führt das dazu, das zukünftige Leben zu simulieren und es nur dann anzunehmen, wenn es passt. So genügt es schon längst nicht mehr, sich selbst zu verwirklichen, man muss sich selbst neu erfinden und neu schaffen, mit Skalpell und Silikon. Die Weigerung des Menschen, sich als Ebenbild Gottes anzunehmen, schürt eine zerstörerische Unzufriedenheit mit sich selbst und liefert ihn schutzlos dem Perfektionszwang der eigenen Idealbilder aus.

 

Der Mensch hat nicht Wert, der Mensch hat Würde

Das Wort „Wert“ stammt vom Markt, aus der Ökonomie. „Was ist das wert?“, fragen wir. Wir kennen Messwerte, Grenzwerte oder auch Wertpapiere. Der Wert hängt jeweils von der Bewertungsgrundlage ab, ändert sich mit ihr und kann gegen null gehen. Er unterliegt der Definition des Menschen. Würde dagegen eignet einem Menschen als Mensch. Kant hat das klar formuliert: „Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes … gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, … das hat eine Würde“ (I. Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten II, AA, 434). Die darf man nicht zu Markte tragen. Sie ist nicht an Bedingungen geknüpft, sondern gilt unbedingt. Sie schützt davor, dass der Mensch Mittel zum Zweck wird. Das ist unter seiner Würde.

 

Die Würde sprechen wir uns nicht zu. Sie ist uns vorgegeben. Darum können wir sie einander auch nicht absprechen. Sie besteht vorgängig zu unseren Taten und Untaten, zu unseren Leistungen und Fehlleistungen. Auch diejenigen, die nicht selbstbestimmt leben können, besitzen eine unantastbare Würde. Wenn die Haltung des nicht antastenden Respektes vor der Würde jedes Menschen verschwindet, werden wir statt einer Ethik der Würde sehr bald nur noch eine „Ethik“ der Erfolgsinteressen haben. Im Handumdrehen trägt dann die Selektion die Maske der Selbstbestimmung, die Vernichtung von Menschenleben die Maske des Mitleids.

 

Es ist dringend notwendig im Zusammenhang der Praenataldiagnostik für die schwangeren Frauen eine unabhängige Beratung anzubieten

Mehrere länderübergreifende Studien belegen, dass inzwischen fast alle Kinder mit Downsyndrom nach einer vorgeburtlichen Diagnostik abgetrieben werden. Ähnlich sieht es bei anderen genetisch bedingten Erkrankungen aus. Zurzeit ist es möglich, bereits wenige Stunden nach der Zeugung über 600 Krankheiten im Erbgut zu erkennen. Aber leider kann man nur sehr wenige heilen. Bei einer Krankheitsdiagnose ohne Heilungsaussichten denken immer mehr Frauen an Abtreibung. Wissenschaftler sprechen inzwischen von einem „Selektionskonsens“.

 

Die Zukunft behinderter Menschen entscheidet sich zunehmend, bevor sie zur Welt kommen. Seit Jahren fordern Eltern, Ärzte und Hebammen, Behindertenverbände und Kirchen eine Revision der Pränataldiagnostik. Die gängige Praxis überlässt die Betroffenen in schweren Stunden sich selbst, mit allen sozialen Konsequenzen. Eine unabhängige Beratung ist notwendig, die die rein medizinische Logik überschreitet; eine Beratung, die Frauen und Männern Perspektiven eröffnet, mit einem behinderten Kind zu leben; eine Beratung, die aufzeigt, dass behinderte Kinder nicht nur Defekte besitzen, sondern viele Kompetenzen.

 

Behindert wird man nicht allein durch eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung, sondern durch eine behinderte Gesellschaft

Wenn wir Menschen mit schwerer körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung sehen, erschrecken wir und versuchen, uns möglichst schnell an ihnen vorbeizudrücken. Diese Abneigung ist tief in die Evolution des Lebendigen eingeschrieben, sie „sitzt uns in den Knochen.“ Gerade in unserer Gesellschaft sehen wir fast nur noch Gesundheit und Vitalität, Stärke und Leistung. Niemandem ist ein Vorwurf daraus zu machen, dass er verunsichert ist und abwehrend reagiert, wenn er behinderten Menschen begegnet. Wir haben lebenslang daran zu arbeiten, sie in Freiheit und Liebe zu würdigen wie jeden anderen Menschen. Ein in seiner eigenen Familie betroffener Journalist schrieb in „Die Zeit“: „Karolina, ein dreijähriges, glückliches Mädchen mit Downsyndrom, meine Tochter: lieb, laut, lustig. Ihr kleines Leben ist nicht die Hölle – auch wenn es unwissende Zeitgenossen nicht glauben mögen. Die Hölle ist, wenn Ärzte in den Kliniken nicht in der Lage sind, geschockte Eltern eines neugeborenen behinderten Babys einfühlsam aufzuklären.

 

Die Hölle ist, wenn Menschen auf der Straße nur glotzen, sich nicht trauen, zu fragen. Unwissenheit, Ignoranz und Intoleranz sind es, die ein Leben mit Behinderung zur Hölle machen können.“ Es geht mir nicht darum, das Leben von und mit behinderten Menschen schönzureden. Es gibt unter ihnen Verzweifelte, die lieber tot sein wollen, als dass sie leben. Vielleicht können sie ihr Leben nicht annehmen, weil sie selbst von ihrer Umwelt nicht angenommen sind. Genau das macht ihre eigentliche Behinderung aus, und genau das können wir ändern, wir müssen es nur wollen. Also: Behindert wird man nicht allein durch eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung, sondern durch eine behinderte Gesellschaft, die nicht lernt, dass bestimmte Menschen einfach anders sind.

Der Rand wird zur Mitte

Seit fast fünf Jahren lebe ich im Vincenzstift Aulhausen, einer großen Behinderteneinrichtung, die zur Josefs-Gesellschaft gehört.  „Warum sind Sie dorthin gezogen,“ werde ich immer wieder gefragt. Das hat viele Gründe. Ein Grund: Ich wollte an den Rand des Bistums Limburg ziehen, um meinem Nachfolger nicht im Wege zu stehen. Also bin ich jetzt am äußersten Rande und entdecke von Tag zu Tag mehr: Der Rand ist die Mitte. Er ist nicht nur zum Mittelpunkt meines Lebens geworden. Ich lese dort auch das Evangelium neu, etwa die Geschichte vom Mann mit der verdorrten Hand (Mk 3,1-6). Jesus sagt zu ihm: „Steh auf und stell dich in die Mitte!“ Was / wer ist für Jesus Rand, und was / wer gehört in die Mitte?

 

Ich bin mit Menschen zusammen, die wenig zu sagen, aber viel zu erzählen haben und sie fragen, allein durch ihr Dasein: „Seht ihr, wie behindert ihr seid? Behindert durch eure Wahnvorstellung, ihr müsstet immer fit und rundum belastbar sein, ihr dürftet von niemandem abhängig sein, ihr müsstet alles selbst in den Griff bekommen und unter Kontrolle haben...“ Festgefahrene und verengte Bilder vom geglückten Leben werden aufgebrochen. Man entdeckt am Anderen, mit den Begren-zungen auch des eigenen Lebens sinnvoll umzugehen – jeder und jede von uns ist ein Fragment, und zugleich das Ganze im Fragment! Man lernt einen respektvollen Umgang mit Verschiedenheiten, ohne immer wieder die alten Muster von besser und schlechter zu traktieren. Man lernt, Ängste vor dem Unbekannten und Befremdlichen abzubauen, man kommt auf die Fährte einer Menschlichkeit, die für viele Platz hat. Denken Sie nicht, Menschen mit Behinderung seien automatisch Leidende. Als ich im Vincenzstift einzog, dachte ich: Jetzt kannst du dich laufend mit der Sinnfrage auseinander-setzen. Das ist nicht der Fall, es betrifft eher die Eltern.

 

Samstags gegen Abend feiern wir gemeinsam Eucharistie. „Kann man denn mit geistig behinderten Menschen überhaupt Gottesdienst feiern?“, fragte ein Bischof, als er zu Besuch da war. Und ob! Ich vergesse nicht den ersten Gottesdienst mit den schwerst Mehrfachbehinderten. Auch sie feiern Gottesdienst. Besonders eindrucksvoll ist unsere Fronleichnamsprozession gemeinsam mit dem Dorf Aulhausen: an der Spitze ein behinderter Kreuzträger, die Prozession gemischt, auch das anschließende Pfarrfest. 

 

Vor Kurzem sagte Anne, eine 14-Jährige: „Die andern haben Gott im Kopf, ich habe ihn im Herzen.“ Die Kommunikation gelingt nur über die Beziehung, die Emotion (Hallo Bischof – du!). Die Sprache meiner Mitbewohnerinnen und Mitbewohner ist unmittelbar, direkt. Nach dem Gottesdienst zur Einführung kam gleich jemand auf mich zu: „Du hast gut gepredigt, aber viel zu lang.“  Die Herausforderung: Elementarisierung unserer großen Worte, ohne dabei banal zu werden. Man muss sich abschminken, Sprüche klopfen zu wollen. Es kommt darauf an, ebenerdig zu reden und zu leben. Stufen sind für behinderte Menschen der Teufel. Wichtig sind die Lieder. Der Chor ist für den Gesang von besonderer Bedeutung. Alles wird auswendig gesungen. Ich habe das noch nie in meinem Leben so erfahren, dass es das Allerwichtigste ist, einfach da zu sein. Entscheidend ist nicht so sehr, was ich sage oder tue, sondern dass ich dort lebe, einfach dazwischen bin. Wenn ich an einem Samstag oder Sonntag nicht da bin, kommen anschließend die Fragen: wo warst du? Warum warst du nicht da?“ Über Gemeinschaft wird nicht geredet, sie ist da. Der evangelische Pfarrer Ulrich Bach, seit dem 23. Lebensjahr an den Rollstuhl gefesselt, sagt: „Was wir können und was wir nicht können, das alles gehört uns gemeinsam. Und für uns miteinander wird’s schon reichen.“

 

Bischof  em. Dr. Franz Kamphaus