Ehrenamtlich in die Zukunft?
Von der Lust an der Bewegung und der Notwendigkeit, die Balance zu halten
1. Bürgerschaftliches Engagement hat Konjunktur
Bürgerschaftliches Engagement hat Konjunktur. Ob es um die Zukunft der Pflege oder um die Entwicklung der sozialen Stadt in Zeiten leerer kommunaler Kassen geht, ob Schulen den Ausbau zu Ganztagsschulen betreiben oder Firmen CSR-Projekte auflegen: Allüberall werben Stiftungen und Organisationen um freiwillig Engagierte. Jährlich veranstaltet das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement die „Woche des Freiwilligen Engagements“; der Bundespräsident vergibt einen Ehrenamtspreis, die Medien veranstalten Themenwochen zum Ehrenamt. Wir spüren: die soziale Struktur unserer Gesellschaft ist im Umbruch.
Die Vorstellung, dass vor allem der Staat mit den Verbänden und Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege, auskömmlich finanziert, dafür zuständig ist, sozialstaatliches Handeln professionell zu gestalten, trägt nicht mehr. Und auch nicht die alte Rollenaufteilung, nach der die erwerbstätigen Männer das Geld für diesen Sozialstaat erarbeiten, während ihre Frauen sich in Familie und freier Zeit ehrenamtlich und kostenlos fürs Soziale engagieren. Frauen suchen Wege, Beruf und Familie zu vereinbaren; sie wollen und müssen für ihre eigene soziale Absicherung erwerbstätig sein. Und wenn sie in Erziehungs- und Pflegeberufen arbeiten, fragen sie, ob die Löhne in diesen Frauenberufen noch gerecht sind. Dabei wird deutlich: eine komplette Professionalisierung und Ökonomisierung der Sorgearbeit wird an ihre Grenzen stoßen. Wir brauchen einen neuen Mix aus Professionalität und bürgerschaftlichem Engagement, aus bezahlbaren Leistungen und sozialem Einsatz - eine aktive Bürgergesellschaft. Lebensläufe, in denen Erwerbstätigkeit und soziales Engagement ihren Platz haben.
Die neuen sozialen Bewegungen von der Frauen - über die Hospizbewegung bis zur Tafelbewegung zeigen: Längst sind Menschen in diese Richtung unterwegs. Sie schließen sich zusammen - quer zu den alten, konfessionell oder weltanschaulich geprägten Verbändestrukturen. Zum Teil von Sponsoren aus der Wirtschaft unterstützt, wie bei der Tafelbewegung, geben sie auch Kirche und freie Wohlfahrtspflege neue Anstöße. Ehrenamtliche sind die „Detektoren“ für neue soziale Notlagen und offene gesellschaftliche Fragen. Was wäre die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Pflege ohne die Führungskräfte, die sie vorleben? Was wären Tageseinrichtungen und Schulen ohne ehrenamtliches Engagement? Was die Palliativstationen und Hospize ohne die Bereitschaft von Menschen, sich Sterblichkeit aktiv zu stellen, um das Leben neu zu entdecken? Wie sähe die Integration behinderter Kinder aus ohne den wunderbaren Einsatz der Eltern, die sie zur trotz vieler schmerzhafter Erfahrungen zur Welt gebracht und erzogen haben? Wer würde die Alzheimer-Erkrankung zum gesellschaftlichen Thema machen, wenn nicht die Angehörigen? Ein aktiver Sozialstaat braucht eine engagierte Zivilgesellschaft.
Und trotzdem löst diese Bewegung auch berechtigte Sorgen aus – Haupt- und Ehrenamtlich Mitarbeitende fürchten, Ehrenamtliche könnten zum „billigen Jakob“ eines ausblutenden Sozialstaats werden, politisch Aktive sorgen sich, dass Gerechtigkeit durch Barmherzigkeit ersetzt wird und es damit zu einem politischen Rollback kommen könnte. Und Freie Wohlfahrtspflege, Jugend- und Frauenverbände fürchten, dass der Staat mit seinen Programmen zur Förderung der Zivilgesellschaft die bestehende Vielfalt und Freiheit einzuhegen und zu kanalisieren versucht, um mehr Effektivität zu erreichen. Das Bemühen um eine nationale Engagementstrategie, das dem Ehrenamt viel Aufmerksamkeit sichert, muss auch kritisch diskutiert werden. Dabei sind die Kirchen wichtige Partner. Mit ihrer vielfältigen Verankerung im Stadtteil und ihren diakonischen Angeboten sind sie wichtige Akteure zur Generierung sozialen Kapitals.
2. Kirchen und Ehrenamtliches Engagement
Von den etwa acht Millionen Freiwilligen in Deutschland sind nach Einschätzung von Prof. Thomas Rauschenbach, dem Direktor des Deutschen Jugendinstituts, der an den Freiwilligenuntersuchungen der Bundesregierung beteiligt war, ungefähr die Hälfte im Umfeld der großen Kirchen aktiv. Leider beruhen solche Zahlen auf Schätzungen, da weder die Konfessionszugehörigkeit der vielen zivilgesellschaftlich Engagierten in den Bereichen Jugend, Kultur und Soziales, noch die Trägerstrukturen in der Wohlfahrtspflege oder in Jugendverbänden differenziert erfragt werden. Wenn sich also Freiwillige aus den Kirchen in Jugend- oder Frauenarbeit oder in sozialen Einrichtungen engagieren, werden sie in diesen Untersuchungen nicht als kirchlich Engagierte gezählt. Soviel aber lässt sich sagen: die Zahl der ehrenamtlich Engagierten in den Kirchen ist im deutschen Durchschnitt stabil. Trotz aller Diskussionen um die Erosion der Institutionen – beim Engagement punkten die großen Institutionen und Organisationen seit Jahren: Schule, Kirche und Kinder- und Jugendarbeit legen zu. Trotz aller Debatten um das so genannte „neue Ehrenamt“ wird damit klar: Freiwilliges Engagement braucht haltende Strukturen, einen Rahmen für Anregungen und Begleitung, Orte und Rituale, die Kristallisationskerne bilden. Engagement passiert nicht im luftleeren Raum.
Die Kirchen bieten in Gemeinden, Werken und Verbänden verlässliche und vielfältige Strukturen für freiwilliges Engagement. Um das auch öffentlich deutlich zu machen, hat die letzte EKD-Synode das Thema aufgenommen und sich unter dem Motto „Ehrenamtlich. Evangelisch. Engagiert“ mit dem Ehrenamt beschäftigt. „Ehrenamtliches Engagement ist ein zentraler Ausdruck des Glaubens und unersetzlich für den Zusammenhalt einer Gesellschaft“, heißt es gleich zu Beginn der Kundgebung der EKD-Synode. „Gerade ein sich immer stärker ausdifferenzierendes und individualisierendes Gemeinwesen ist auf dieses Engagement angewiesen“. Sich zu engagieren ist Ehrensache - es geschieht freiwillig, öffentlich, gemeinwohlorientiert, unentgeltlich. Soziale Netzwerke geben Menschen Halt und Orientierung.
Die Synodalerklärung verweist auch dabei auf das Grundprinzip der Reformation, das Priestertum aller Getauften. Ein früherer Entwurf nahm darüber hinaus Bezug auf die Quellen ehrenamtlichen Engagements im 19. Jahrhundert: Was wäre zum Beispiel die Diakonie ohne die Impulse von Johann Hinrich Wichern? Für ihn waren es zunächst die informellen Netzwerke, die Vereine und Verbände, die den Kern diakonischer Arbeit bildeten, die sogenannte Freie Diakonie. Die bürgerliche von Staat und Kommunen und die kirchliche verstand er von Anfang an als subsidiär. Die freie Diakonie, schrieb er, verdanke ihren Ursprung und ihre Erhaltung „weder den amtlichen Organen der Kirche als solchen, noch den Organen der bürgerlichen Gemeinde als solchen, sondern einzelnen, freiwillig sich dafür bestimmenden Gliedern des christlichen Gemeinwesens.“ Was wäre die Mission ohne die Missionsgesellschaften des 19. Jahrhunderts, was die Ökumene und Jugendarbeit ohne die Gründung des CVJM in dieser Zeit?
Keine Frage: Ehrenamtlichkeit ist eines der Grundprinzipien aller kirchlichen Verbandsarbeit und wird nun im Kontext der Reform- und Zukunftspapiere von EKD und Landeskirchen neu entdeckt. Ehrenamtsakademien werden gegründet – Ihre hier in Hessen-Nassau war die erste, inzwischen sind Sachsen und Mecklenburg gefolgt - in mehreren Kirchen wurden Ehrenamtsgesetze verabschiedet, in Rheinland und Westfalen landesweite Ehrenamtspreise ausgelobt und in Hannover oder der Pfalz Haupt- und Ehrenamtliche systematisch, Kirchenkreis für Kirchkreis im Freiwilligenmanagement weitergebildet. Das Zukunftspapier „Kirche der Freiheit“, das die Evangelische Kirche in Deutschland im Sommer 2006 herausgab, formuliert: „Die Gewinnung, Begleitung und Qualifizierung von Ehrenamtlichen gehört für die evangelische Kirche zu den wichtigsten Zukunftsaufgaben. Die Zahl der ehrenamtlich Engagierten im Verhältnis zu der Gesamtzahl der Kirchenmitglieder sollte deutlich erhöht werden.“ (1)
Dahinter steht die Erwartung, dass die Kirche der Zukunft, wie es die Perspektive 2030 Ihrer Kirche formuliert, „kleiner, älter, ärmer an Geld und an hauptamtlichem Personal sein wird“. Nach dem Ausbau professioneller und funktionaler Dienste, nach der Ausdifferenzierung der Fachlichkeit in den 60-er und 70-er Jahren des vorigen Jahrhunderts steht nun – bei rückläufigen Kirchensteuern und staatlichen Mitteln – auch in Landeskirchen und Diözesen der Stellenabbau auf der Tagesordnung. Darin unterscheiden sich die steuerfinanzierten Kirchen nicht von anderen Teilen des öffentlichen Dienstes, der ebenfalls seine Aufgaben zugunsten von Sozialmarkt und Zivilgesellschaft abgebaut hat. Die kirchlichen Fachhochschulen spüren es genauso wie die Bildungshäuser oder die gemeindliche Jugendarbeit – wo nicht fusioniert oder geschlossen wird, lautet die Frage: „Welche notwendigen, unverzichtbaren Aufgaben können Freiwillige übernehmen?
Dabei, das wissen die Verantwortlichen, verändern sich aber auch die Ehrenamtlichen mit ihren Erwartungen: sie brauchen Freiräume für eigene Gestaltungsmöglichkeiten und für ein zugleich sinnvolles wie selbstbewusstes Tun, das in der Erwerbsarbeit oft vermisst wird. Sie erwarten Wertschätzung, Zertifikate und Auslagenersatz, klare Vereinbarungen und geklärte Kompetenzen, Fortbildungsangebote und Mitsprachemöglichkeiten. In diesen Erwartungen wird sichtbar, dass mehr und mehr Brücken, auch biographische Brücken zwischen Ehrenamt und Beruflichkeit gebaut werden. Ehrenamtliche Frauen nach der Kinderphase suchen über Ehrenamt den Wiedereinstieg, Frührentner im Senior Service bringen ihre Kompetenzen ein. Die alte Trennung, in der man den Hauptamtlichen die Professionalität und den Ehrenamtlichen einen Helferstatus zuwies, funktioniert nicht mehr.
Ehrenamtlichkeit: das ist eben auch Leitung von Organisationen, Entwicklung von Kompetenzen im lebenslangen Lernen, Bildung und Teamentwicklung, die früher oder später wieder beruflich genutzt werden kann. Die evangelische Kirche in Württemberg hat deshalb ein Projekt zum Ehrenamt in ihrer Personalabteilung angebunden und macht damit deutlich: eine Kirche, in der die Zahl der Ehrenamtlichen wächst und der Hauptamtlichen abnimmt, braucht neue Strukturen auch in ihren Ämtern und Verwaltungen. Kostenlos ist das alles nicht zu haben: schon jetzt wird sichtbar, dass die Versicherungsleistungen für Ehrenamtliche exponentiell steigen, während die für Hauptamtliche abnehmen.
Ehrenamtliches Engagement ist also eines der Super-Reformthemen in Kirche und Gesellschaft. Eine hohe Welle, die es zu reiten gilt – mit Lust an der Bewegung, aber auch mit Achtsamkeit für die Balance. Denn neben der Begeisterung für Programme und Ideen, neben dem Interesse für neue Fördermöglichkeiten und Preise gibt es auch in der Kirche große Sorgen - vor allem bei den Hauptamtlichen. Ohne Ehrenamtliche kann die Kirche ihren Auftrag nicht erfüllen – ohne Hauptamtliche allerdings lassen sich Strukturen und Angebote nicht nachhaltig aufrecht erhalten. Das Verhältnis zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen wird derzeit durch den Rückgang der finanziellen Ressourcen, durch Fusionen und Arbeitsplatzabbau enorm belastet. Deswegen betonen zur Zeit alle kirchlichen Stellungnahmen, dass Ehrenamtliche keine Lückenbüßer-Funktion haben dürfen und dass wegfallende Tätigkeiten Hauptberuflicher nicht durch Ehrenamtliche ersetzt werden können. Tatsächlich gefährden die absehbaren Einschnitte bei hauptberuflichen Fachkräften auch die Gewinnung, Begleitung und Qualifizierung von Ehrenamtlichen. Das muss bei den schwerwiegenden Entscheidungen über zukünftige Prioritäten berücksichtigt werden. Engagement braucht Andockpunkte, anregende und begleitende Strukturen, fachliche Impulse und Unterstützung sowie einen fördernden Rahmen – also Räume, Finanzen, gesetzliche Grundlagen und Dienststellen.
3. Das Balancebrett
Einmal im Jahr findet in der EKD die so genannte Ehrenamtsreferenten-Konferenz statt - ein gemeinsames Treffen der Verantwortlichen in Landeskirchen, Ämtern und Werken, zu dem Haupt- und Ehrenamtliche aus Kirchen, Verbänden und den diakonischen Werken kommen. Im letzten November haben wir uns in Hannover mit der Frage beschäftigt, wie sich die Balance zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen entwickelt. Wir haben dazu einen kleinen Kurzfilm gesehen, der kleine Männchen auf einem Wackelbrett zeigte .Einige standen locker in der Mitte, einige am Rand. Sobald sich aber einer bewegte, veränderte sich die Statik des Bretts – wie einem Boot auf den Wellen oder bei einer Wippe auf dem Spielplatz. Lehnt sich einer rechts raus, muss der andere auf die andere Seite wechseln, wenn er nicht herunterfallen will. Ein schönes Spiel, solange die Wellen nicht zu hoch werden. Es machte Spaß, bis dass jemand einen Schatz auf das Wackelbrett stellte – den Schatz, um den nun alle zu rangeln begannen. Sportlich zunächst, und dann erbittert. Da ging es darum, die eigene Position geschickt so stark zu machen, dass andere hinten runter fielen. Sie können sich vorstellen, wie das aussah. Übrigens hat am Ende des Kurzfilms der einzige Überlebende auch den Schatz verloren - mit den anderen war er in den Wellen verschwunden.
Manche erleben die Situation in der Kirche gerade so. Vieles dreht sich um die Frage, wohin die knapper werdenden Ressourcen umgeschichtet werden. Wenn wir es ernst meinen mit der Gewinnung, Fortbildung und Begleitung Ehrenamtlicher, mit Freiwilligenmanagement, Mitsprache, Kontrakten und Versicherungen, mit Preisen und Modellen, dann kostet das weit mehr, als im Augenblick für die Ehrenamtsstellen in Landeskirchen und Verbänden ausgegeben wird. Bis auf wenige Kirchen mit ausgebauten Ämtern oder Akademien handelt es sich dabei zumeist nur um Stellenanteile. Das bedeutet notwendig Umbau und Einsparungen anderswo. Und was im Blick auf die landeskirchliche Ebene noch sehr abstrakt klingt, das zeigt sich in einzelnen Gemeinden dann eben doch als starke Veränderungsprozesse. Küsterstellen, Gemeindesekretärinnen, Jugendmitarbeiterstellen werden zusammengelegt oder gestrichen; Dequalifizierungsprozesse sind im Gang, während wir Qualitätsdebatten führen. Und Pfarrerinnen und Pfarrer fragen sich, ob ihr Berufsbild sich nun in Richtung Ehrenamtsmanagement verändern muss, weil sie die einzigen verbleibenden Hauptamtlichen sind.
Auf jener Ehrenamtsreferenten-Konferenz, von der ich berichte, haben wir uns bildlich vor Augen geführt, mit welchen Haupt- und Ehrenamtlichen wir es in den Gemeinden zu tun haben: da sind die Ehrenamtlichen in Frauen- und Jugendarbeit, bei Tafeln und Hausaufgabenhilfe, im Kindergarten, in Chor und Kindergottesdienst – und natürlich auch die, die sich als Gemeindeglieder an anderen Stellen engagieren: in Diakonie oder AWO, beim Fußballverein oder in der Schule. Und da sind die Ehrenamtlichen im Kirchenvorstand, die gemeinsam mit dem Pfarrer/der Pfarrerin über Gemeindekonzepte, also auch über Haupt- und Ehrenamt entscheiden. Da ist der hauptamtliche Pfarrer/die Pfarrerin, der oder die angesichts des Abbaus anderer beruflicher Mitarbeiter mehr und mehr nach den eigenen Kernkompetenzen fragt. Und schließlich die verbleibenden Sozialpädagogen und Diakone, die ein neues Selbstverständnis entwickeln sollen: Ehrenamtlichkeit stärken, Dienstleister sein, auf Augenhöhe kooperieren. Das Problem ist nur: sie haben selbst erhebliche Existenzängste. Und sie fragen: haben Pfarrer und Ehrenamtliche in der Leitung das im Blick? Könnten die Ehrenamtlichen in den Kirchenvorständen sich selbst auch als Fördernde für Ehrenamtsentwicklung verstehen – z.B. so, dass einer die Familienarbeit im Blick hat und einer die Pflege oder die Jugendarbeit, je nach Interesse und Herkommen?
Viele Ehrenamtliche wiederum haben den Eindruck, dass die Strukturveränderungen in den Kirchen zur Zeit vor allem die Veränderung der hauptberuflichen getragenen Organisation im Blick haben. Anders als im beruflichen Kontext, wo Macht und Hierarchie immer eine Rolle spielen, anders als auf dem Markt, wo alle Leistung einen finanziellen Gegenwert hat und jeder Einsatz unter Tauschgesichtspunkten geschieht, geht es aber im Ehrenamt darum, sich persönlich einzubringen und sich mit dem eigenen Tun zu identifizieren. Gerade jüngere Ehrenamtliche verstehen sich eben nicht mehr als Zuarbeiter von wohlfahrtsstaatlichen Organisationen oder als ehrenamtliche „Helfer“ der Kirchen. Nicht nur die staatlichen, auch die kirchlichen Versuche, Engagement stark einzuhegen oder zu kanalisieren, um es angesichts knapper Ressourcen effektiver zu gestalten, müssen deshalb an Grenzen stoßen.
Auf diesem Hintergrund haben sich die Teilnehmer der Ökumenischen Ehrenamtstagung in Köln im Januar 2009 mit den Reformprozessen in den Kirchen auseinander gesetzt. Sie forderten eine stärkere Beteiligung der Engagierten an Entscheidungsverfahren über die Zusammenlegung von Seelsorgebezirken und Kirchenkreisen. Auch wenn es die katholische Differenzierung zwischen Amtskirche und Laienorganisationen in der Kirche des „Priestertums aller“ so nicht gibt – die Ohnmachtserfahrungen vor Ort scheinen durchaus ähnlich. Dabei gilt für beide Kirchen: das Engagement in überschaubaren, lebensweltlichen Kontexten macht ihre Stärke als zivilgesellschaftlicher Akteur aus.
4. Eine Vision
Zu der Ehrenamtsreferenten-Konferenz im November 2009 hatten wir je einen Repräsentanten/eine Repräsentantin aus dem Pfarramt und aus anderen kirchlichen Berufsgruppen, aus dem sozialen Ehrenamt sowie aus dem Leitungsamt gebeten, ihre Vision 2030 darzustellen. Dr. Viva Volkmann, Mitglied des Leitungsgremiums der EKD-Synode und noch ganz inspiriert von der letzten Synode sagte dazu: „Im Jahr 2030 bin ich zwei Jahre im Ruhestand und werde in drei Jahren mein 40jähriges Dienstjubiläum als Ehrenamtliche in der Domgemeinde in Verden begehen und dazu einladen. Die neue Generation von Pastoren, die seit fünf Jahren die vakanten Stellen in Verden eingenommen haben, wird von den Ehrenamtlichen mit ständig neuen Ideen und Projekten gefordert. Es ist inzwischen gelungen, die dritte Diakonenstelle mit Drittmitteln zu finanzieren. Die Mehrheit der Kirchenvorsteher hat sich für Diakone statt Pastoren entschieden. Diakone sind deutlich teamfähiger und verhalten sich damit kooperativer im weiteren Wandlungs- und Reformprozess.
Die einzelnen Pfarrämter sind aufgelöst und zu einem Gottesdienstteam aus Pastoren, Diakonen, Prädikanten, Lektoren und Kirchenmusikern zusammengelegt. In den Teams sind alle gleichberechtigt für Verkündigung und Sakrament zuständig und verantwortlich. Die Mitarbeitervertretung ist inzwischen eingeteilt in eine Kammer für Hauptamtliche und eine Kammer für Ehrenamtliche. Beide Kammern streiten mit dem Pastorenausschuss über die Ordination, welche Qualität diese in den Fragen des Dienstrechts überhaupt noch haben soll. Die zunehmende Abnahme Hauptamtlicher (- 60% seit 2010) lässt die Frage an Schärfe gewinnen.
Die Strukturen der so reformierten Kirche bieten einen wichtigen Impuls zum Abbau obrigkeitlicher Strukturen. Der neue leitende Präses i.E. unserer Landeskirche hatte zu dem Motto aufgerufen: „Das Ehrenamt und die Kirchengemeinden dürfen endlich mündig werden.“ Gelingen konnte dieser Wandel nur durch die Einsicht, einen missionarischen Aufbruch in der ganzen Stadt in Gang zu setzen.
Ehrenamtliche kämpfen allerdings noch immer für eine Anerkennung von Ehrenamtszeiten in der Rentenversicherung (vergleichbar den Familien-, Erziehungs- und Pflegezeiten). Dies ist besonders schwierig vor dem Hintergrund der virtuellen Ehrenamtlichen, die im web 2.0 ohne Anwesenheit Leistungen erbringen, ohne in den Gemeinden sichtbar zu sein. Dies hat in der jüngsten Vergangenheit reichlich Konfliktstoff mit den Älteren gegeben, die das web 2.0 aus der Kirche verbannen wollen. Ehrenamt sei immer mit Präsenz verbunden und könne nicht virtuell geleistet werden.
5. Begriffe und Definitionen- wie lässt sich ehrenamtliches Engagement fassen?
Ich habe bislang die Begriffe Ehrenamt, Freiwilliges Engagement und zivilgesellschaftliches oder bürgerschaftliches Engagement nahezu parallel benutzt – und tatsächlich werden sie alle im Kontext von Kirche und Diakonie verwandt. Der Streit darum löst sich aber aus meiner Sicht schnell auf, wenn wir nach der Perspektive und den Interessen fragen, mit denen die Begriffe besetzt sind oder werden. So wird im Kontext der freien Wohlfahrtspflege und also auch der Diakonie, die inzwischen in hohem Maße durch berufliche Mitarbeit bestimmt ist, lieber von Freiwilligem Engagement gesprochen, um die Aspekte von Selbstbestimmung, Freiwilligkeit und Gemeinwohlorientierung in den Vordergrund zu rücken. Im politischen Kontext wird im Zusammenhang mit einem neuen Verständnis eines aktiven Sozialstaats lieber von zivilgesellschaftlichem oder bürgerschaftlichem Engagement gesprochen. Und in den Landeskirchen aber dominiert zu neunzig Prozent der Begriff Ehrenamt. Damit werden, neben den anderen Aspekten, die Fragen von Verbindlichkeit, Verantwortlichkeit und Zusammenarbeit besonders betont.
Eine Definition des Freiwilligen Engagements lautet: „Freiwilliges Engagement ist die freiwillige Übernahme einer Verantwortungsrolle in einer besonderen Aufgabe, Arbeit oder Funktion, die mehr ist als nur bloßes Mittun und die außerhalb beruflicher Tätigkeit, sowie des rein privaten, familiären Bereichs liegt. Freiwilliges Engagement ist frei vereinbarte Tätigkeit, beinhaltet ein hohes Maß an Selbstbestimmung, ist nicht an Tarife und Ausbildungsgänge gebunden, kurz oder mittelfristig veränderbar, und ohne Bezahlung.“ (2)
Durchaus ähnlich werden drei bestimmende Faktoren des Ehrenamts definiert:
- Das Engagement ist der Ausdruck der eigenen, aktiven Gestaltung des Lebens – entscheidend ist hier das Prinzip der Selbsttätigkeit,
- Das Engagement erfolgt freiwillig, also aus intrinsischen Motivation, ohne Zwang aber auch ohne monetäre Gratifikation und schließlich:
- Gleichwohl ist das Engagement in Strukturen verankert und darin verbindlich und verantwortlich – sei es formal im Sinne eines Wahlamtes, sei es in persönlichen Absprachen in Gruppen und Netzwerken.
Die EKD-Synode 2009 hat in diesem Zusammenhang an die Barmer Bekenntnissynode von 1934 erinnert, die hervorgehoben hat, dass es in der evangelischen Kirche keine Hierarchien zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen geben kann – oder besser soll. Verschiedene Ehrenamtsgesetze der Landeskirchen wie z.B. der rheinischen, beziehen sich darauf. Auch wenn also die Bürgerbewegung der Auffassung ist, der Begriff Ehrenamt in der Kirche signalisiere eine Überbetonung der institutionellen Interessen – für die evangelische Kirche ist theologisch klar: die Leitung der Kirche liegt verfassungsrechtlich vor allem in der Hand der Ehrenamtlichen. Wenn allerdings eine Gemeinde, wie jüngst in meiner Nachbarschaft geschehen, ohne die Beteiligung der Engagierten entscheidet, eine Hausaufgabenhilfe zu schließen, weil die Diakonenstelle reduziert werden muss, dann muss man sich nicht wundern, wenn die Zeitung mit der Überschrift „Kirche vergrätzt Ehrenamtliche“ darüber berichtet. Solche Ereignisse lassen kirchliche Ehrenamtskampagnen ins Leere laufen.
6.Wer sind die Ehrenamtlichen in der Kirche - und wer ist durch die Kirche ansprechbar?
1,1 Millionen Menschen engagierten sich nach der Statistik der Evangelischen Kirche in Deutschland 2005 in den evangelischen Gemeinden. Und die Ehrenamtskampagnen der Kirchen sind darauf ausgerichtet, mehr Menschen zu gewinnen. Deswegen ein paar Zahlen aus den Ergebnissen verschiedener Umfragen und Untersuchungen. Das freiwillige Engagement im Bereich „Kirche und Religion“ ist immer noch der drittgrößte Bereich nach „Sport“ und „Bildung“ ist, in dem sich Menschen in Deutschland freiwillig engagieren. Und – wie in den meisten anderen Bereichen auch – ist das Engagement in den letzten Jahren stabil oder hat sogar leicht zugenommen. Wer sich im kirchlichen Kontext engagiert hat in der Regel eine starke Kirchenbindung. 70% der engagierten Protestanten bezeichneten ihre Kirchenbindung als „stark“, 23 % als „mittel“ (3). Das mag auf den ersten Blick nicht verwundern - bemerkenswert ist aber, dass 51% der freiwilligen Aktivitäten in der gesamten Gesellschaft - also auch außerhalb der Kirchen und der kirchlichen Wohlfahrtspflege - von Menschen geleistet werden, die sich entweder „stark“ (20%) oder „mittel“ (31%) mit einer Kirche verbunden fühlen (4). Dabei unterscheiden sich Engagierte im Bereich der Kirche in ihren Motiven nur in geringem Maße vom Durchschnitt aller Engagierten. Sie wollen „die Gesellschaft zumindest im Kleinen mitgestalten“ (69% Protestanten gegenüber 66%) und „mit anderen Menschen zusammenkommen“. Nur in einer Hinsicht allerdings ist das Ergebnis der letzten Untersuchung für die Kirchen Besorgnis erregend: Die Zahl der Engagierten, die hier ihre „Haupttätigkeit“ haben, ist von 15% auf 12% gesunken, die, die ihre Zweittätigkeit in der Kirchen ausüben von 10% auf 25% massiv gestiegen:
In der Altersstruktur weichen die kirchlich Engagierten vom Durchschnitt aller Engagierten außer in einem Segment deutlich ab: Anders als im gesamtgesellschaftlichen Durchschnitt ist die stärkste Zunahme bei den 46 – 65jährigen (um 3%). Zudem ist die Altersgruppe der über 65jährigen deutlich überrepräsentiert (22%; alle Bereiche: 13%)“ (5). Aber auch bei den 14 - 30-jährigen ist eine deutliche Zunahme (nämlich um 2,5%) zu verzeichnen. Die wichtige Altersgruppe der 31 - 45jährigen ist unterrepräsentiert – nämlich mit nur 24% gegenüber 32% in allen Bereichen freiwilligen Engagements. Hier finden wir die Eltern, die sich eher im Kontext Schule und Sport engagieren, aber auch die Generation derer, die schon als junge Leute aus der Kirche ausgetreten sind.
Deswegen ist es richtig, dass auch die Kirchen den Blick auf Chancen der dritten Lebensphase zu richten, wie es jetzt viele tun - denn auch Ältere schauen heute sehr wohl darauf, ob ihre Kompetenzen und Erfahrungen im Ehrenamt zum Zuge kommen. Zugleich muss die evangelische Kirche aber auf die Anknüpfungspunkte in der Konfirmandenarbeit achten ,die Zusammenarbeit mit Schulen im Blick haben, Freiwilligendienst fördern und für den beruflichen Einstieg fruchtbar machen und in ihren Fortbildungsprogrammen auf die Kompetenzen achten, die auch in anderen Bereichen weiter helfen.
Aber nicht nur die verschiedenen Lebensphasen, sondern auch die unterschiedlichen Milieus müssen in den Blick kommen, wenn es um das Ehrenamtliche Engagement in der Kirche geht. Bürgerschaftliches Engagement in Deutschland ist grundsätzlich stark an einen hohen Sozial- und Bildungsstatus gekoppelt. Formal besser Gebildete sind deutlich überrepräsentiert. 50 % aller Tätigkeiten werden von Menschen mit hohem Bildungsstandards ausgeführt – in der evangelischen Kirche aber sind es sogar 57% und immerhin 52% der protestantischen Engagierten (gegenüber 44% im Durchschnitt) stuften ihre finanzielle Situation im Jahr 2004 als sehr gut oder gut ein. (6)
Und schließlich ist festzuhalten: Das freiwillige Engagement in Kirche, Diakonie und Caritas ist noch immer Frauensache – oft auch Hausfrauensache: 70 Prozent der Ehrenamtlichen der Caritas sind Frauen, 56 Prozent davon 60 Jahre oder älter (7). Entsprechend gering ist mit 31 Prozent der Anteil der Berufstätigen (8). Und im evangelischen Bereich sieht es nicht anders aus. Während im Durchschnitt aller Bereiche 55% Männer engagiert sind, sind es bei uns nur 35% (9); und viele Männer haben den Eindruck, dass ihr berufliches Wissen aus anderen Lebensbereichen in der Kirche nicht wirklich gefragt sei. Wo sie allerdings ein kirchliches Ehrenamt haben – oft in Leitungsgremien – da haben sie auch den Eindruck, ausreichend mitgestalten zu können.
Frauen dagegen finden die Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Kirche nicht wirklich zufriedenstellend. Auf die Frage, ob sie ausreichende Mitgestaltungsmöglichkeiten hätten, antworten 74% aller Befragten mit Ja - aber nur 61% der katholischen und 65% der evangelischen Frauen (10). Die Caritas-Studie weist auf ein wichtiges organisationsdynamisches Problem der Ehrenamtsarbeit hin: Die Freiwilligen sind zwar sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit zwischen ihnen und den Hauptamtlichen. Vor allem schätzen sie deren Hilfe und Ansprechbarkeit. „Allerdings haben nur 30 Prozent der Freiwilligen das Gefühl, dass sie für die Hauptamtlichen auch gleichberechtigte Partner sind. Nach ihrem Eindruck werden sie vor allem als Helfer(innen) gesehen, die die Hauptamtlichen entlasten, beziehungsweise deren Tätigkeit ergänzen. Diese Einschätzungen decken sich weitgehend mit den Ergebnissen einer ergänzenden Befragung von Hauptamtlichen: Nur jeder Zweite sieht die Ehrenamtlichen als gleichberechtigte Partner.“ (11) Von Frau Volkmanns Vision sind wir noch weit entfernt.
7. Milieuverengungen überwinden - Engagementpotenziale nutzen
Betrachtet man die Struktur der ehrenamtlich Engagierten im kirchlichen Bereich nach Alter, Geschlecht, Bildung und sozialem Status, so kann man feststellen: Die Potenziale zur Ausweitung in andere Zielgruppen sind erheblich. Wie groß das ungenutzte Engagementpotenzial allgemein ist, zeigt auch der 3. Freiwilligensurvey, dessen Ergebnisse nur in Umrissen vorliegen, eindrücklich: Bei allen Nichtengagierten sind es 32%, bei nichtengagierten Jugendlichen 43%, bei nichtengagierten älteren Menschen über 60 sind es 19%, bei nichtengagierten Arbeitslosen 48%, die bereit wären, sich zukünftig zu engagieren (12). Berücksichtigt man neben diesem „externen“ noch das „interne“ Engagementpotenzial, also die Bereitschaft der schon Engagierten ihr Engagement zu erhöhen, dann wird klar, wie sinnvoll jede Anstrengung ist, das mögliche in ein wirksames und wirkliches Engagement zu verwandeln.
„Zugang zum Ehrenamt finden vor allem diejenigen, die finanziell abgesichert, gebildet und familiär gebunden sind“, stellt auch die EKD-Synode fest. „Das gilt auch und gerade für das Ehrenamt der evangelischen Kirche. Die Kirche sieht die Aufgabe, die Bereitschaft zum Ehrenamt in allen gesellschaftlichen Gruppen zu stärken. Dazu gilt es, Hindernisse zu beseitigen, die zum Beispiel Geringverdienenden, Arbeitslosen oder Migranten den Zugang zum Ehrenamt erschweren. Bildungsangebote ebenso wie die Gewährung von Aufwandsentschädigungen helfen, Barrieren abzubauen. Die Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie mit anderen Bündnispartnern im Gemeinwesen kann Bürgerinnen und Bürger aus allen gesellschaftlichen Milieus zum Ehrenamt motivieren und gerechte Teilhabe ermöglichen.“ Damit das gelingt, müssen wir der der Versuchung widerstehen, uns in binnenkirchlichen Milieus einzurichten.
8. Aus-, Fort- und Weiterbildung für Ehrenamtliche
Es gibt also – im Blick auf die hohe Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement, noch Hausaufgaben zu machen: der Zugang zum Ehrenamt muss für alle offen sein. Dabei ist zu bedenken: 54 Prozent aller, die ein Engagement übernehmen, waren schon früher einmal engagiert. Ehrenamtliches Engagement wird also offensichtlich gelernt und trainiert auch für andere Aufgabenbereiche: Von denen, die sich ehrenamtlich Engagieren, geben 88% gegenüber 69% an, sie hätten schon einmal eine größere Aufgabe im Team bearbeitet, 77% gegenüber 53% sagen, sie hätten andere schon einmal ausgebildet oder trainiert, und 56% haben gegenüber 27% haben schon einmal eine Rede vor mehr als 30 Personen gehalten. Im Ehrenamt lernen wir zu führen, Texte zu veröffentlichen, in Gremien zu arbeiten (41% gegenüber 12%) und größere Veranstaltungen zu organisieren. Das größte Lernpotential steckt dabei in der Jugendarbeit. Aber angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen hin zum Lebenslangen Lernen kann Ehrenamt immer wieder Brücken bauen und neue Teilhabechancen eröffnen.
Nun ist es jedoch nicht so, dass sich diese Effekte im learning bei doing von selbst einstellen. Vielmehr setzt die erfolgreiche Arbeit zum Beispiel persönliche und fachliche Kompetenzen voraus. Ehrenamtliche, die darüber nicht in ausreichendem Maße verfügen, geben schnell frustriert auf. Die Qualifizierung, Ausbildung und Begleitung spielt deshalb eine wichtige Rolle – auch wenn viele Methoden und Fertigkeiten beim Hineinwachsen in das Arbeitsfeld erlernt werden. Erfahrene Projektleiter und Projektleiterinnen, aber auch Kirchenvorstandsmitglieder haben auch eine Mentoren-Aufgabe.
In der kirchlichen Jugendarbeit zum Beispiel gibt es daneben mit der Jugendleiterkarte, der Juleica feste Fortbildungsmodule für Jugendleiter, die über alle Landeskirchen verbreitet sind - sie sichert die Qualität der Arbeit. Noch immer allerdings gibt es kein durchgängiges Modulsystem für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, das von der offenen über die verbandliche Jugendarbeit bis zur diakonischen Jugendhilfe nutzbar wäre und auch von den Schulen anerkannt würde. Ich bin sicher: in Zukunft werden wir noch gründlicher über solche gemeinsamen Standards nachdenken müssen. Und das gilt nicht nur für das Handlungsfeld Jugendarbeit in Kirche, Diakonie und Verbänden. Die EKD-Synode zum Ehrenamt hat gefordert, das ehrenamtliches Engagement in der Schule im Rahmen von Leistungsnachweisen dokumentiert werden soll oder das es im Rahmen europäischer Bildungsstandards kreditiert werden soll, aber auch, dass die Curricula für Ehrenamtliche in den Handlungsfeldern von Kirche und Diakonie stärker aufeinander bezogen werden. Neben den Fortbildungsangeboten zählt dabei der Zugang zu Informationen. Gebündelte Fortbildungsprogramme für Ehrenamtliche, Newsletter und Internetportale entstehen erst allmählich- und auch auf EKD-Ebene wird nach dem Auftrag der Synode über ein Ehrenamtsportal nachgedacht.
9. Religiöse Aspekte der Motivation: spirituelle Begleitung von Engagierten
Wenn man Ehrenamtliche fragt, was ihr Engagement ihnen gibt, fallen die Antworten unterschiedlich aus: Das gute Gefühl, gebraucht zu werden, gibt Selbstbewusstsein und Zufriedenheit. Wer sich um andere kümmert, lernt, das eigene Leben mit anderen Augen zu sehen, und Belastungen ins Verhältnis zu den eigenen Chancen und Kräften zu setzen. Eigene Gaben einbringen und Gutes weitergeben zu können, stellt Menschen hinein in den Kraftstrom des Lebens – und das macht glücklich. Victor Frankl, ein, der Begründer der Logotherapie, hat im Konzentrationslager die Entdeckung seines Lebens gemacht. Alles hängt davon ab, sagt er, ob wir einen Sinn in unserem Leben und auch in unserem Leiden finden. Am Ende kommt es nicht darauf an, wie reich und angesehen wir waren, wie gut wir aussehen, ob wir fit und gesund sind. Es kommt darauf an, ob unser Leben Bedeutung für andere hat – und sei es nur für einen Menschen, den wir lieben. Es kommt darauf an, dass wir unseren Beitrag leisten – und sei er noch so klein – damit Güte und Gerechtigkeit sich ausbreiten. Wer darauf schaut, erträgt auch Demütigungen, an denen andere zerbrechen. Wir schöpfen Lebensmut daraus, dass wir nicht nur für uns selber leben.
Das entspricht biblischer Einsicht. „Keiner von uns lebt für sich selbst“, sagt der Apostel Paulus einmal über die christliche Gemeinde. „Und keiner stirbt für sich selbst“ (Röm 14,7), fährt er fort. Man könnte meinen, er würde jetzt davon sprechen, dass die Gemeinschaft in der Kirche trägt. Paulus aber weist auf Jesus hin, der sein Leben für andere gelebt hat. Und dass unser Leben Sinn hat, wenn wir aufhören, zu vergleichen, zu rechnen und zu bilanzieren und stattdessen lernen, unseren Beitrag einzubringen.
„Gebt, so wird Euch gegeben“, sagt Jesus selbst. „Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in Euren Schoß geben“ (Lk 6,38). Interessanterweise war es nicht die Kirche, die diesen Gedanken aufgegriffen hat: Der deutsche Engagementpreis wird unter dem Claim „Geben gibt“ verliehen. Mir fallen dabei Engagierte mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten ein: von Jamie Oliver mit seiner Kinderspeisung bis zu Monika Hauser, die sich für vergewaltigte Frauen einsetzt. Ob Koch oder Gynäkologin, ob Migrantin oder Gärtner: jeder, der sein Talent wichtig nimmt, kann damit sich selbst finden. Was tun wir in den Gemeinden, um gerade denen, die sich benachteiligt fühlen, zu helfen, ihre Talente zu entdecken und einzubringen?
In den 80er Jahren haben wir in einer Mönchengladbacher Kirchengemeinde einen so genannten „Gemeindeladen“ gegründet - einen Stadtteilladen mit Bücherei und Cafe, mit Kleiderkammer und Sozialberatung, der von einem großen ehrenamtlichen Team zusammen mit einer hauptamtlichen Sozialpädagogin geführt wurde. Ich werde nicht vergessen, wie viele Menschen sich dort meldeten, um mitzumachen - Menschen, die bislang keinen Anknüpfungspunkt in der Gemeinde gefunden hatten. Frauen, die gern für andere Kaffee ausschenkten, anderen, die es liebten, in der Kleiderkammer zu verkaufen, sagten zu mir, sie könnten nicht gut reden und diskutieren – aber Menschen schön kleiden und versorgen, das liebten sie. Tatsächlich hatte ich bei den Teamsitzungen im „Gemeindeladen“ oft die Werke der Barmherzigkeit vor Augen, die Diakonie ganz elementar beschreiben - und es ist wohl kein Zufall, dass dieses Gleichnis unmittelbar auf das von den anvertrauten Talenten folgt.
Gabenbeziehungen, auf denen zivilgesellschaftliches Engagement im Wesentlichen beruht, sind immer schon religiös geprägt und durchtränkt – auch wenn sich ihr religiöse Gehalt inzwischen säkularisiert und verflüchtigt hat. Gleichwohl beruht der Vorbildcharakter und die Anziehungskraft einer Mutter Theresa, eines Franz Alt oder Rupert Neudeck genau auf diesem Zusammenhang von Religion, Hingabe und Engagement. Darum hat der Sozialgeschichtler Arnd Bauerkämper recht, wenn er eine Herausforderung für die Kirche darin sieht, die „religiösen Wurzeln der Vorstellungen von Geben und Nehmen kulturhistorisch zu rekonstruieren.“ Es gilt, die Geschichten und Gleichnisse in Erinnerung zu halten, die unsere Kultur diakonisch geprägt haben – angefangen von den Gaben der Magier aus dem Osten für das nackte Jesuskind im Stall von Bethlehem bis hin zum barmherzigen Samariter, der als ein Fremder den jüdischen Glauben in die Tat umsetzte.
Kirchliche Arroganz ist allerdings fehl am Platz, wenn wir den biblischen Gehalt des Engagements neu zur Sprache bringen; manches, was bei uns verloren zu gehen droht, wird uns von anderen wieder gebracht – aus Zivilgesellschaft und Medien, aus der Wissenschaft, ja auch aus anderen Religionen. Eine neue religiöse Sprache, die zugleich sozial sensibel ist, muss deshalb im Dialog gefunden werden. Hier liegt die wichtigste Aufgabe der theologisch und pädagogisch Mitarbeitenden in der Arbeit mit Freiwilligen. Die Diakoninnen und Diakone in Gemeindeläden und Mehrgenerationenhäusern, die Pfarrerinnen und Pfarrer; Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen in Stadtteilkirchen und Familienzentren haben nicht nur die Aufgabe, die freiwillig Engagierten im Blick auf soziale Fragen unterstützen. Wichtig ist, dass sie sie auch theologisch und spirituell begleiten und ihnen helfen, ihre eigenen Motivationsquellen zu entdecken und in Zeiten von Zweifel und Müdigkeit zu stärken - ihr Leben und Engagement in den Kraftstrom des Glaubens zu setzen, von dem Victor Frankl spricht.
Hier bleibt für die Kirche noch viel zu tun; nicht nur für ihre „eigenen“ Ehrenamtlichen, sondern auch für die, die aus ihrem Glauben heraus bei anderen Organisationen engagiert sind. So wie vor Jahren Curricula für die Hospizbewegung entwickelt wurden, so wie die kirchlichen Ehrenamtsakademien zur Zeit Organisations- und Leitungswissen weitergeben oder Freiwilligenmanagement unterrichten, so wünsche ich mir, dass theologische und spirituelle Angebote entwickelt werden, damit Menschen ihre Begabungen entdecken und einbringen, existentielle und religiöse Erfahrungen bei ihrem Engagement verstehen und schätzen lernen, Mentorinnen und Mentoren finden und sich auch vor Erschöpfung hüten. Wer Ehrenamtliche begleitet, sollte nicht nur Vereinbarungen für bestimmte Aufgaben im Blick haben, sondern Menschen, die mit ihrem Engagement den Sinn im eigenen Leben suchen oder aus Dankbarkeit weiter geben, was sie selbst entdeckt haben.
10. Eine neue Kultur der Zusammenarbeit
Das Verständnis der unterschiedlichen Gaben und Dienste, der verschiedenen Rollen und Aufgaben in der Kirche ist im Umbruch. Dabei tritt neu ins Bewusstsein: Ehrenamtliches Engagement ist kennzeichnend für die protestantischen Kirchen und Ausdruck des Priestertums aller. Es ist selbstverständlich keine Hilfstätigkeit für den Dienst von Pfarrern/-innen, Diakonen/-innen und Sozialarbeitern/-innen, sondern eine eigenständige Größe und Bedingung unseres Erfolgs. Auf diese Kultur der Zusammenarbeit in einer Dienstgemeinschaft müssen in Zukunft auch die beruflich Mitarbeitenden noch besser vorbereitet werden. Deswegen fordert die EKD-Synode, die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen müsse zum verpflichtenden Teil der Aus- und Fortbildung aller kirchlichen Berufe werden.
Vor einiger Zeit habe ich die Kundgebung der EKD-Synode daraufhin durchgesehen, was sie für die einzelnen Referate im Kirchenamt bedeutet, und die Kolleginnen und Kollegen zu einer AG Ehrenamt eingeladen. Dabei zeigt sich, was eigentlich auf der Hand liegt: Ehrenamt ist Abteilungs- und Handlungsfeld übergreifend. Hier ist die Rechtsabteilung genauso gefragt wie die Theologische, das Steuerrecht genauso wie die Bildung. Und: Ehrenamt ist Organisationsübergreifend: zwischen Kirche und Diakonie - aber auch zwischen den Kirchen. Der Wettbewerb um die Ehrenamtlichen, die sich meist in verschiedenen Bereichen engagieren, greift zu kurz. Wer sich heute in der Jugendarbeit engagiert, ist vielleicht morgen Elternvertreter. Gemeindeglieder arbeiten in Sportverein und AWO, Gott sei Dank. Freiheit begründet alles Engagement. Darin steckt eine Herausforderung für die Kirche der Freiheit. Und Wichern würde sagen: Das ist gut so. Freiheit setzt Bewegung in Gang – auch auf dem Surfbrett. Bewegung aber gelingt nur in der Balance. Es lohnt sich, ab und an das Surfbrett zu verlassen, an den Strand zu gehen und gemeinsam darüber nachzudenken.
Cornelia Coenen-Marx, OKR
Arnoldshain, 4. September 2010
Fußnoten:
(1)Über Armenpflege. Der Anteil der freiwilligen oder Privatwohltätigkeit an der christlichen Armenpflege, 1856, in Wichern, Sämtliche Werke III/1, 61ff
(2)Ralph Fischer, Ehrenamtliche Arbeit, Zivilgesellschaft und Kirche. Bedeutung und Nutzen unbezahlten Engagements für Gesellschaft und Staat, Stuttgart 2004, S. 34-35.
(3)Grosse a.a.O., S. 9 und S. 36
(4)Grosse a.a.O., S. 10
(5)a.a.O., S. 10
(6)ebenda, S. 11
(7)Süßlin nennt gar eine Frauenquote von 79% bei den ehrenamtlich Aktiven der Caritas. (Siehe: Werner Süßlin: wer engagiert sich warum bei der Caritas? In: neue caritas 9/2007)
(8) a.a.O.
(9) Grosse: a.a.O., S. 10
(10) Grosse. a.a.O., S. 13
(11) Süßlin:a.a.O.
(12) Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004. Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. Durchgeführt im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. München 2005, S. 15f und S. 213ff
