Ehrenamtliches Engagement in der Telefonseelsorge
Seit 12 Jahren arbeite ich ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge, und ich freue mich auf weitere. Mir geht es gut, und davon möchte ich anderen etwas abgeben. Ich fühle die Verpflichtung, aus den mir verliehenen Pfunden etwas zu machen, und ich weiß, ich kann gut zuhören.
Auf der Suche nach einer Aufgabe sprach mich die Telefonseelsorge sehr an, weil mein Mitwirken den Organisatoren sogar eine spezielle Ausbildung wert ist. Die hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Durch meinen naturwissenschaftlichen Hintergrund war mir schon das Vokabular fremd. Es wurde viel Gewicht auf das Wahrnehmen eigener und fremder Gefühle gelegt - es ging um Selbsterfahrung. Das klang für mich bis dahin nach Selbstmitleid und Gejammer. Ich hatte eine Ausbildung zur Beraterin erwartet und erfuhr stattdessen, was Seelsorge ist: Hören, nicht nur mit den organischen Ohren, was hinter dem Gesagten steht. Spüren, was jetzt gut tun könnte. Raum geben, damit ein Gedankengang sich entwickelt, eine Rankhilfe für ein sprießendes Pflänzchen bieten. Oder den Schmerz mit aushalten um im Zuhören zu begleiten.
Die Anrufenden bleiben anonym und wir auch. Diese beidseitige Anonymität verleiht dem Gespräch eine eigene Atmosphäre, einen geschützten Raum. So wird es leichter, schwierige Themen anzusprechen. Niemand sieht Weinen oder Scham. Nur der Klang der Stimme oder eine Pause geben Hinweise. Manchmal leiden wir unter dieser Anonymität. Oft würde ich gerne losstürmen und etwas tun. Aber es ist gut, dass wir uns zur Anonymität verpflichtet haben. Das schützt mich vor meinem Helfersyndrom und vor Menschen, die die ständige Bereitschaft der Telefonseelsorge auf mich persönlich übertragen könnten. Außerdem würden nicht alle den Mut finden, wenn am anderen Ende eine bekannte Person sein könnte.
Ehrenamtlich Mitarbeitende verpflichten sich mit der Ausbildung zu einer monatlichen Stundenzahl am Telefon, außerdem zu Supervision und Weiterbildung. Ihr Arbeitsplatz ist die Dienststelle: ein gemütliches Zimmer, Ruhe und ein Ort, um zwischen den Gesprächen abzuschalten und Kopf und Herz wieder freizumachen für den nächsten Anruf. Bei jedem Klingeln die Fragen: Werden wir gut in Kontakt kommen? Werde ich das oft unausgesprochene Anliegen wahrnehmen? Im Gespräch erfahren wir einen Ausschnitt aus einem Leben. Die dargestellte Welt ist die Wahrheit für die Dauer des Dialogs. Was danach ist, wissen wir nicht.
Manchen Anrufern ist der Kontakt zu ihrer Umwelt nur schwer möglich. Weil wir für sie die einzigen Gesprächspartner sind, rufen sie häufig an. Wir erfahren mehr aus ihrem Leben. Die Seelsorge wird hier zur Begleitung. Wir kennen die Anrufenden, und sie kennen einige unserer Stimmen. Wenn sie irgendwann nicht mehr anrufen, haben sie vielleicht den Weg zurück ins Leben geschafft.
Was mich dazu treibt, mich anonym ans Telefon zu setzen? Helfen wollen und Liebe zu den Menschen sind die Voraussetzungen, um sich für dieses Ehrenamt zu melden. Aber um über Jahre Dienst zu tun, braucht es mehr. Die Motivation ändert sich. Ich bin gekommen, um zu geben und erfahre, dass mir diese Tätigkeit sehr viel gibt.
Es gibt „Erfolge“. Das sind besonders gelungene Gespräche, wenn man sich ganz nahe kommt. Das sind Geschenke. Eine andere wichtige Motivation ist Neugier. Neugier hat einen negativen Klang, und im Zusammenhang mit dem Leid anderer kommt der Gedanke an Voyeurismus auf. Ich denke aber an die Neugier auf jedes einzelne Gespräch, und auf jeden einzelnen Anrufenden. Durch die christliche oder menschenfreundliche Grundeinstellung wird aus Neugier Offenheit und Akzeptanz.
Ganz wesentlich ist das Gemeinschaftsgefühl. Schon die Ausbildung macht die neuen Seelsorgenden zum Teil des Dienststellenteams. Der Umgang mit unserer eigenen Anonymität wird durch die Zusammenarbeit leichter. Wir leisten so viele Stunden Dienst, es ist ein so wichtiger Teil unseres Lebens, und müssen doch vage Antworten geben, wenn Bekannte fragen: Was machst du eigentlich? Warum hast du keine Zeit? Wo fährst du abends um 11 noch hin?
„Lohn“ sind für viele die Weiterbildungswochenenden. Hier finden sich Antworten. In Rollenspielen kann ein neuer Weg ausprobiert werden. Wir erleben die Herangehensweise anderer Ausbilder und Supervisorinnen. Wir lernen Ehrenamtliche näher kennen, die wir bisher nur kurz beim Ablösen gesprochen haben oder die aus anderen Dienststellen kommen – die Neugier auf andere Menschen macht sich wieder mal bemerkbar.
Man kann sich auch in zahlreichen Gremien engagieren. Fast jede Dienststelle ist über Delegierte in einem der sieben regionalen Foren vertreten. Diese bestimmen ihre Teilnehmenden für die Bundesvertretung Ehrenamtlicher in Telefonseelsorge und Offener Tür in Deutschland (BETS-Deutschland). Ziel der Ehrenamtlichen-Tagungen ist der Austausch über alle Belange unserer Arbeit am Telefon und im Internet. Ergänzend zu den Zusammenkünften der Hauptamtlichen soll damit erreicht werden, dass Kompetenzen und Ideen für die gemeinsame Sache gut genutzt werden. Nach anfänglicher Skepsis sehen die Hauptamtlichen diese Tagungen inzwischen als Gewinn, begrüßen und versorgen die Gäste liebevoll und sorgen für die Finanzierung von Tagungen und Reisekosten.
Vielen Menschen ist das Internet so selbstverständlich, dass sie dort auch Seelsorge und Begleitung suchen. Anderen dagegen ist die Hürde eines persönlichen Kontaktes am Telefon noch zu hoch. Erst mal scheint die Idee einer solchen Seelsorge schwierig, wo Kommunikation auf das geschriebene Wort reduziert ist. Doch auch dabei entsteht Tiefe und eine ganz eigene Qualität des Kontaktes.
Dr. Ingrid Schmeißer,
ehrenamtliche Telefonseelsorgerin (und Sprecherin von BETS-Deutschland)
