Pflicht ist Zufall – Meine Entwicklung zum Jugendgruppenleiter
Pflicht ist Zufall. Diese Lebenserfahrung habe ich mit einer merkwürdigen Gruppe von behinderten und nichtbehinderten Jugendlichen gemacht. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, eine solche Gruppe zu gründen. Als ich 1981 in Rom studierte, hatte ich weiß Gott anderes zu tun.
Da rief mich eines Tages ein befreundeter Priester an. Aus Anlass des Jahres der Behinderten komme er demnächst mit einer Gruppe von 45 behinderten und nichtbehinderten Jugendlichen ohne professionelle Betreuer nach Rom. Er habe einfach einige Behinderteneinrichtungen kontaktiert und aus katholischen Jugendgruppen ein paar Jugendliche zusammengesucht. Ob ich da nicht ein paar Führungen machen könne? Ich sagte zu. Und ob ich mir nicht mal die Unterkunft anschauen könne. Ich fuhr hin. Und dann rief ich ihn zurück: „Gratuliere! Wenn es ein Haus in Rom gibt, das nicht behindertengerecht ist, ihr habt es gefunden. Viel zu enge Zimmer. Museumsreifer Aufzug, in den keine Rollstühle passen und dabei ist das Essen in der 4. Etage.“
Man suchte also etwas anderes. Doch man fand auf die Schnelle nichts und so blieb es bei der vorsintflutlichen Unterkunft. Als die Gruppe ankam, wurde improvisiert. Rollstühle auf den Rücken, Behinderte auf den Rücken – und rauf. Die Stimmung war super. Je schwieriger die Herausforderung, desto freudiger ging man sie an. Man stieß mit Rollstühlen und Insassen bis in die Kuppelspitze des Petersdoms vor. Erstbesteigung! Je weniger behindertengerecht etwas war, umso besser.
Als Ganzes war die Gruppe nicht behindert. Das Motto hieß: Entweder alle oder keiner. Und das Ergebnis war: Alle konnten alles machen. Als dann die Gruppe völlig unerwartet bei der Papstaudienz auf einem mit 40.000 Menschen gefüllten Petersplatz in die erste Reihe gebeten wurde und der Papst alle eigenhändig begrüßte und mit jedem ein paar Worte wechselte, kam es zu einem merkwürdigen Hochgefühl bei allen. Man spürte, dass man etwas Besonderes war und dass man eine so dichte Atmosphäre wie in dieser Gruppe kaum je erlebt hatte.
Die Sache verselbstständigte sich. Eigentlich war nur anschließendes Diaschauen geplant und dann Ende. Doch das ging nun nicht mehr. Es war klar. Man musste zusammenbleiben. Im kommenden Jahr wollten alle wieder nach Italien. Am besten in die am wenigsten behindertengerechte Stadt. Klar, man fuhr nach Venedig – und nach Pisa, um den schiefen Turm mit Rollstühlen zu besteigen. Erstbesteigung! Danach wurde er für mehrere Jahre wegen Restaurierungsarbeiten geschlossen. Nicht wegen uns.
Nicht nötig zu erwähnen, dass ich selbstverständlich die Fahrt vorbereitete, denn ich war schließlich der Einzige, der einigermaßen Italienisch konnte. Ich kann mich allerdings nicht entsinnen, dass ich mich dazu bewusst entschlossen hätte. Es war einfach klar. Man traf sich nun regelmäßig alle 2 Wochen und tat dann das zusammen, was nichtbehinderte Jugendliche auch taten. Man ging ins Fußballstadion, ins Grönemeyerkonzert, man feierte Partys, die besten Jugendpartys in Bonn, und man machte Besichtigungstouren. Jedes Jahr gab es eine große Jahresfahrt, bei der ein Drittel Neue mitfuhren, damit die Gruppe eine Jugendgruppe blieb.
Als der Stadtjugendseelsorger abberufen wurde, kamen einige Rollstuhlfahrer zu mir gerollt und forderten mich auf, die Gruppe nicht eingehen zu lassen. Ich hatte eigentlich gar keine Zeit. Soeben hatte ich halbtags in der Psychiatrie als Arzt angefangen, weil ich den anderen halben Tag noch meine Doktorarbeit in Theologie machen wollte. Es war alles gut geplant. Doch ich konnte nicht Nein sagen. Pflicht ist Zufall. Dieser Satz kam mir damals in den Sinn und er hat mich seitdem begleitet. Niemand kann sich die Aufgaben aussuchen, die ihm das Leben stellt. Ich habe meine Entscheidung für die Gruppe nie bedauert. Es gibt die Gruppe Brücke-Krücke in Bonn am katholischen Jugendamt heute noch. Über 200 junge Leute. Nächstes Jahr fahren sie nach Schottland.
Natürlich sind katholische, evangelische und auch nichtgetaufte Jugendliche in der Gruppe. Doch an jedem katholischen Feiertag ist, wenn ein Priester dabei ist, heilige Messe. Das war nie ein Problem. Nicht selten sind es die nicht Getauften, die den Ausfall der Messe beklagen, wenn wir keinen Priester auftreiben konnten. Behinderung ist in der Gruppe kein Thema. Die Behinderten sagen, was sie brauchen, und die anderen helfen. Niemand wird ausgebildet, mit Behinderten umgehen kann jeder. Das Besondere in der Gruppe sind nicht die Behinderten, sondern die manchmal fast euphorische Atmosphäre: Wir schaffen alles. Alle Schichten sind in der Gruppe vertreten, denn ein Handwerker, der einen Rollstuhl reparieren kann, ist genauso angesehen wie der Gymnasiast mit Neigung zum spirituellen Tieftauchen. Mancher hat in dieser Gruppe zum Glauben gefunden, mancher auch nicht. Aber ich bin ganz sicher, dass junge Menschen, die in dieser Gruppe mitgemacht haben, niemals fremdenfeindlich, gewaltbereit oder sonst wie asozial werden.
Jetzt aber kommt das Gefährlichste an der Sache: Man kann das überall machen! Man braucht keine Ausbildung, man braucht überhaupt nichts Behindertengerechtes. Man braucht nur etwas Mut und guten Willen. Behinderte sind gleichberechtigte Mitglieder jeder Kirchengemeinde. Ich möchte keinem Leser zu nahe treten, aber ich kann mir eigentlich keinen Grund vorstellen, warum man die Erlaubnis haben sollte, in irgendeiner Stadt eine solche Gruppe nicht zu gründen. Pflicht ist Zufall. Und jetzt haben Sie leider diesen Artikel gelesen.
Dr. Manfred Lütz, Köln
